Meeting Rick

veröffentlicht am 13. November 2011 - Kommentar hinzufügen

Am 9. November 2011 um 21.10 Uhr Ortszeit war Rick Perrys Kampagne für die US-amerikanische Präsidentschaft Geschichte. Der wohl aussichtsreichste Kandidat der Republikaner noch im August hat sich schon  wenige Wochen später aus dem Kampf um die Nominierung katapultiert.

Seit er am 13. August ins Rennen eingestiegen ist, hat nur Mitt Romney mehr Geld eingesammelt, doch schon jetzt scheint klar: Die gut 17 Millionen US-Dollar die an die Perry Camapaign zur Stunde gegangenen sind, sind ziemlich sicher sinnlos. Rick Perrys Blackout bei der Debatte in Michigan hat seine Chancen bei dieser Wahl endgültig begraben. Wie kann man in nicht einmal 14 Wochen alles verlieren? Vom unumschränkten Superstar zum verlachten Loser abstürzen, in nicht einmal drei Monaten.

Wer wissen will, wer gegen Barack Obama antreten kann, der muss den Ronald Reagan Highway nehmen. Vorbei an dem Ort jenem Ronald Reagans erste Volksschule steht, und vorbei an jenem kleinen Dorf, ganz im Westen Illinois, wo der Säulenheilige moderner Republikaner geboren wurde. Tampico, ein 800 Seelen Kaff, auf direktem Weg von Chicago ins Vorwahl-Mekka Iowa, mit kaum mehr als ein paar Häusern, einer Bank und einem Supermarkt, ist der Geburtsort jener Legende, aus der konservative Träume sind. Hier ist der mittlere Westen Amerikas, mitten in den schier unendlichen Kornfeldern – nicht nur räumlich weit weg vom Sündenpfuhl Chicago – hofft man darauf, dass der Morgen zurück kommt nach Amerika – jener Morgen den Ronald Reagan in der wohl besten Wiederwahlkampagne der politischen Geschichte beschwört.

Heute kämpft Tampico  mit den Problemen vieler Dörfer in Amerika. Viele Häuser sind vernagelt, wer kann zieht in die größeren Städte in der Nähe, denn Arbeit gibt es hier schon lange wenig. Hier war einmal die Kornkammer Amerikas, dann zogen über Amerika Stürme, soviele Naturkatastrophen wie noch nie, und dann auch noch die Finanzkrise. Farmer in Amerika zu sein bedeutet riesige Felder mit Einfammilienhaus großen Mähdräschern zu beackern, zur Zeit bedeutet es vor allem einen langsamen Tod. Die Finanzkrise hat auch Tampico nicht verschont. Hier wurde jener Mann geboren, dessen unregulierte Märkte jene Implosion des Bankensystems angerichtet haben, die nun hierher zurückgekehrt ist. Zukunft hatte Tampico wahrscheinlich nie, aber langsam erodiert auch die Vergangenheit.

Einige hundert Kilometer weiter treffe ich an einem grauen Mittwoch Vormittag im September jenen Mann, von dem alle sagen, er hätte als einziger die Chance, Obama zu schlagen. Rick Perry, Gouverneur von Texas, Ikone der Rechten, seit wenigen Wochen im Wahlkampf um die Nominierung der Republikaner.

Uncle Nancy’s Coffee House und Bakery haben Perrys Leute in ein kleinesVorwahl Fernseh-Studio verwandelt. Alles, was zählt, ist diese eine Einstellung, wenn Rick Perry am Rednerpult steht und diesen einen Satz von sich gibt mit dem er es letzten Endes in die Hauptnachrichten schafft.  Alle drei lokalen Fernsehnetworks sind hier, drei, vier Printjournalisten und viele aus der Umgebung die Rick kennen lernen wollen. Er sieht fit aus. Das Hemd sitzt so perfekt wie die Haare, nichts an Rick Perry wirkt unecht, aber vieles surreal. Das Lächeln, der Händedruck, die Geschichten mit denen er hier in im kleinen Kaff Newton in Iowa punkten will.

Die warmen Sonnenstrahlen der Vergangenheit, die er an diesem nasskalten Septembermorgen nach Newton holt, sind Balsam auf geschundene republikanische Seelen. Er spricht viel über sich selbst, seine Ideen, kaum über seine Mitbewerber oder gar den Präsidenten. Perry nimmt sich Zeit für die gut 100 Menschen, die gekommen sind. Er spricht nicht nur von den besseren Zeiten, er macht Wahlkampf wie damals, küsst Babies, herzt Veteranen. Bedient das Herz des Herzen Amerikas, wie er es nennt – und mit ihm jene Schicht, die sich heute noch als weiße Mittelschicht sieht, obwohl sie es längst nicht mehr ist. Denn die ist farbig, jung und lebt in den Städten. Das ‚Change‘ des Barack Obama war hier immer eine Drohung. Rick Perry erzählt von seinem letzten Wahlsieg, einem Sieg von allen. Er hat nie verloren, keine Wahl, keine politische Schlacht, keine Jobs. Das ist seine Erzählung, sein Leitmotiv. Rick wins.

Wochen später ist er am Ende, die Kampagne ein wüstes Sammelsurium an Anbiederungen an die Tea Party, Rick Perry setzt mit dem jetzt schon legendären ‚Ooops‚ seiner Kampagne ein Ende. Ein böser Fehler, den ein starker Kandidat weckgesteckt hätte, aber Perry war schon am Ende und ist nun weit darüber hinaus. Als ich Perry im September treffe, liegt er bei 30 Prozent, weit vor Mitt Romney und den anderen, jetzt liegt er bei 8 Prozent weit abgeschlagen. Da braucht es mehr als ein paar vergessene Agencies, um so tief zufallen.

Perry steigt spät ein ins Rennen, viel zu spät sagen einige. Er ist stark bei der extremen Rechten, will das Feld von dort aufrollen, er hat den Star-Bonus, bekommt viel Aufmerksamkeit und rutscht dann schnell ab. Perry ist Gouverneur eines großen und boomenden Bundesstaates. Texas hat dank des Ölpreises viele neue Jobs. Perry sagt, er sei es gewesen, doch an jedem Job klebt Öl, nicht Perry. Doch Perry war es auch, der umstrittene Einwanderungsgesetze in Texas erlassen hat. Seiner Basis tut das weh. Perry ist unerfahren in Washington. In zehn Jahren als Gouverneur von Texas nahm er nur an vier Debatten Teil, sein Gegenüber Mitt Romney ist so oft hinter einem Debatten-Pult es gibt kaum Fotos von seinem Unterleib. Perry ist unerfahren und bleibt dann nicht auf seiner Message. Anstatt über Jobs, und Jobs und Jobs zu sprechen verirrt sich Perry in immer neuen Liebesdiensten für seine Tea Party. Seine Kampagne beginnt nie wirklich zu laufen und so sinkt er schneller als er gekommen ist wieder in den Umfragen ab.

Rick Perry wird wohl nicht die republikanische Nominierung gewinnen. Er wird wohl weiter in Texas bleiben. Seine Kampagne ist nicht zu Ende, auch wenn er versucht mit einem massiven Schub an Fernsehwerbung wieder Halt zu fassen.

Am Weg zurück nach Chicago kann man auch bei einer anderen Sehenswürdigkeit stehen bleiben. Der Herbert Hoover Library. Hoover war ein blasser, ein schwacher Präsident, der es nie raus geschafft hat aus der Kleinstadt-Quäker-Mentalität seiner Heimatstadt West Branch. Hoover kam mit Washington nicht zurecht, weil er ein Outsider war – beliebt zu Hause, verlacht in Washington. Perry hat wohl mehr von  Hoover als von Reagan.

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