Meine Meine Wahl

veröffentlicht am 4. Oktober 2010 - 5 Kommentare

Beim Postman- Bingo hab ich verloren. Neil Postmanns ewig dröge, ewig falsche Fernsehkritik zog schon vor der ATV Elefantenrunde seine Kreise. Derartige Reflexe haben wir ehrlich gesagt erwartet, ich dachte nur erst während der Sendung (hier kann man ATV Meine Wahl nachsehen).  Offenbar war die Sorge zuvor größer als danach. Doch zunächst ein paar Grundsätzliche Überlegungen die zuvor immer wieder Thema waren.

ATV Meine Wahl ist für uns vor allem ein Experimentierfeld. Eine Spielfläche um Platz für Innvoationen zu schaffen in einem Bereich der sich wie kaum ein anderer im österreichischen Fernsehen Innovation verweigert. Dabei steht eine Sache immer im Mittelpunkt aller grundsätzlichen Überlegungen: Eine Sendung zu schaffen die möglichst viele Menschen, die ein Wahlkampf nicht mehr erreicht, mit Politik zu konfrontieren, und ihnen dann mit objektiven, fairen und auch spannenden Inhalten eine Entscheidungshilfe für die kommenden Wahlen zu bieten.

2008 haben wir die YouTube Debatte nach Österreich gebracht, im Bundespräsidentschaftswahlkampf den Perception Analyzer, diesmal gingen wir einen anderen Weg. Im Mai fiel die Grundsatzentscheidung dass wir zur Wiener Wahl eine große Runde im Hauptabend produzieren wollen. Der Arbeitstitel damals „Das Wiener Derby“. Und fünf Monate später hatten wir ein Derby. Fangesänge, Polizeiabsperrungen, Trommeln, Schilder und mittendrin: Häupl, Marek, Strache und Vassilakou. Ist das schon Politik oder ist das schon Show? Es ist beides und sehr viel davon.

Beides war harte Arbeit.  Am Abend davor waren die Chippendales in der Stadthalle. Um 0.20 Uhr konnten wir mit dem Aufbau beginnen. 28 Stunden später musste die Halle wieder leer sein. Noch nie in Österreich hat jemand ein derartig aufweniges Studio (die drei teuersten Projektoren des Landes, 100 Tonnen Scheinwerfer, 24 Meter Leinwand, bis zu sieben Meter hohe Holzsäulen) in nur 14 Stunden gebaut, danach geprobt, gesendet und wieder abgebaut. 150 großartige Menschen haben all das – ohen gröbere Probleme – zusammen gebracht. Man kann mir glauben, das ist bei weitem nicht selbstverständlich umso mehr freut es mich.

Doch, das regt ja kaum jemand auf. Deshalb gibt es keine 1300 Postings auf derstandard.at, deswegen ist unser Livestream nicht zusammengebrochen.

Nein, das Revolutionäre dieser Sendung war das Sichtbarmachen von Emotion im Wahlkampf. Zugegeben nicht immer nur mit der feinen Klinge. Das Minuten Protokoll zeigt, wer einmal reingeschalten hat hat in der Regel nicht mehr weggedreht (außer bei der Werbung). Die Debatte war so anders, so neu und so deutlich in der Emotion, dass selbst Menschen die mit Politik im Generellen und Wiener Landespolitik im Speziellen wenig zu tun haben gerne dran geblieben sind. Christoph Chorherr war so nett und hat (neben vielen vielen anderen – vielen Dank dafür!) in seinem Blog die Sendung kritisiert. Ich verstehe seine Skepsis, teile nur einige seiner Thesen nicht. Ja, ATV Meine Wahl war eine Show-  es war aber kein Theater. Ja, es war ein Spektakel – es war aber keineswegs nur Unterhaltung.

Zunächst und zu allererst: Journalistisch haben wir uns nichts vorzuwerfen. Meinrad Knapp und Sylvia Saringer haben in einem für sie unendlich schwierigen Umfeld harte und gute Fragen gestellt an denen wir zum Teil Wochen gebastelt haben. Sie sind dran geblieben auch wenn die Kandidaten ausweichen wollten. Die Fakten haben gestimmt, jede Zahl war zu Ende recherchiert. Im Gegensatz zum Mitbewerb haben wir viele Themen angesprochen und die Kandidaten am falschen Fuß erwischt. Michael Häupl kannte Karl Mahrers Diplomarbeit nicht, Heinz- Christian Strache die aktuelle Kriminalitätsstatistik und Christine Marek die ÖVP Anzeigen. Man kann uns viel vorwerfen, aber journalistisch war diese Sendung sauber. Kein Theater – zuviele Fakten.

Ein Teil unserer Sendungsplanung ist immer auch die Kandidaten auf ein Terrain zu führen, dass ihnen ein klein bisschen Angst macht. Heinz Fischer ist einer der erfahrensten und souveränsten Interviewpartner des Landes, ich behaupte bei unserer Sendung hat er Nerven gezeigt. Das Terrain war neu und hat so neue, vielleicht ungekannte Antworten ermöglicht. Ebenso bei „Match um Wien“. Persönlicher, rabiater aber auch echter und miterlebbarer wurde der Infight Häupl und Strache wohl noch nie geführt wie in der Stadthalle. Maria Vassilakou hat es wohl noch nie geschafft ihre Anhänger so über das TV zu mobilisieren. Es war unter anderem auch das ungewohnte Setting, dass diese emotionalen Regungen ermöglicht hat.

Eine letzte Frage von Christoph Chorherr möchte aber noch beantworten:

Warum findet auf twitter die intensivste Auseinandersetzung bisher mit der Gemeinderatswahl ausgerechnet über ein Fernsehevent statt?

Ganz einfach: Die integrative Kraft eines Live-Mediums wie des Fernsehens ermöglicht allen mitzudiskutieren. Max Kossatz, Jana Herwig und Viola Mark haben in einem sehr aufwändigen Beitrag zu #unibrennt nachgewiesen. Die meisten tweets pro Stunde wurden während der ATV AmPunkt Diskussion live aus dem Audimax gesendet. Gestern hatten wir mehr als 2000 tweets in zwei Stunden, die ORF Sendung am Vormittag ein paar hundert. Zur Erinnerung: Twitter ist tendenziell ein Medium für Politik-Interresierte und Politik-Gebildete Menschen.

Diese Debatte hatte 20 Prozent Marktanteil bei den jungen Wienern unter 30. Ich darf leider die ORF Zahlen nicht veröffentlichen (Agreement unter den Sendern, an das ich mich halte) aber man kann mir glauben: Wir waren mehr als überdeutlich Martktführer in dieser Gruppe vielen anderen Sehergruppen. Wir haben die Politik weggeführt von einer reinen Elitendiskussion zu einer unmenschlichen Tageszeit zu einem Ereignis das unsere 252.000 Seher dort abholt wo sie stehen. Ja, es war laut, bunt, unterhaltsam. Aber vor allem war es auch informativ.

Ich darf aber alle Kulturpessimisten beruhigen. Wir werden uns beim nächsten Mal wieder was anderes einfallen lassen. Es wird nicht schlimmer, es wird wieder anders. Immer das Selbe ist ja langweilig, da kann ich gleich Postman lesen.

4 Kommentare

  1. Lieber Martin, ich danke Dir für diesen Blogbeitrag. Ich war am Beginn der Sendung sehr skeptisch. Das Gejohle am Beginn der Sendung sowie die gladiatorenhaften Einzüge in die „Arena“ hat mich mehr als irritiert. Man kann das bei meinen Tweets nachlesen 😉
    Ich muss aber gestehen, dass wir vor dem Bildschirm immer mehr gefallen an der Sendung gefunden haben, weil sie tatsächlich unterhaltsam UND informativ war. Mit dem Publikum muss mich sich noch was überlegen, ansonsten herzliche Gratulation zu diesem erfrischenden Experiment. Ihr seid auf einem guten Weg.
    lg
    Günter

  2. Unterhaltsam UND informativ. Das mit den Fragen und den „wunden Punkten“ bei den Politikern dürfte euch tatsächlich sehr gut geglückt sein, denn irgendwie fand ich die Diskussionsrunde anders als vom ORF gewohnt (und nicht nur wegen der Stadion-Atmosphäre) – man war wirklich gespannt, welche Antworten die Politiker von sich geben, und wirklich rausreden hat sich keiner können.

    Will da gar nicht lang herumphilosophieren. Die Sendung hat mich ziemlich überzeugt, obwohl ich auch eher skeptisch war am Anfang. Ob die Politiker wirklich „Fanclubs“, die Schilder hochhalten und Sprechchöre schreien, mitnehmen dürfen/sollen, kann man aber sicher noch diskutieren. Ist manchmal ganz unterhaltsam, manchmal einfach nur peinlich bis nervig.

  3. Bei soviel Selbstbeweihräucherung kann ich mich nur wundern. Nicht nur, dass es tatsächlich nichts von einer informativen Diskussion, sondern eher Eigenschaften von allen anderen als Kritik angeführten Dingen hatte: Schaukampf, Kasperltheater, Hexenkessel.

    Die Lobhudelei bezüglich Recherche lässt sich ohne zu suchen gleich an einem einzigen Beispiel außer Kraft setzen: Der zitierte Hubert Sickinger twitterte während der Sendung „Nett, bei #atv #meinewahl zitiert zu werden, aber das war Fehlinterpretation.“ und „Und die Untersuchung war eine Umfrage unter führenden BezirkspolitikerInnen, keine Repräsentativumfrage in der Bevölkerung #atv #meinewahl“ und „Ui, meine Untersuchung war aber 1. auf die Bezirkspolitik bezogen und ist 2. fünf Jahre alt 🙂 http://is.gd/fINvd #atv #meinewahl“. Das kostete mich bspw. nicht ein bisschen Recherche.

    Natürlich ist zumindest begrüßenswert, dass ATV Politik, soweit es einem Privatsender eben möglich ist, Ernst nimmt. Auch den Mut ein neues Format zu starten, kann man bewundern. Dass dieses Set-Up jedoch zu nichts anderem führen kann als Ländermatch-Atmosphäre, insbesondere, wenn man Fanblöcke ankarrt, ist keineswegs nur ein Resultat. Das ist eine Erwartung.

    „Noch nie in Österreich hat jemand ein derartig aufweniges Studio (die drei teuersten Projektoren des Landes, 100 Tonnen Scheinwerfer, 24 Meter Leinwand, bis zu sieben Meter hohe Holzsäulen) in nur 14 Stunden gebaut, danach geprobt, gesendet und wieder abgebaut.“

    Was das betrifft: Nett, nur halt nicht zielführend (und werbefinanziert ;)). Ich bitte, sich als Positivbeispiel folgende Debatte anzusehen, die weder die teuersten Scheinwerfer noch sonstige Technik bei der Abstimmung (Wahlurne & Zetterl) brauchte und trotzdem soviel mehr Inhalt zuließ:

    http://www.youtube.com/watch?v=DmFYpuYh6w0&feature=related

    Eine Erweiterung durch Social Media wäre natürlich obligatorisch. Dennoch kann sich ATV, meiner Meinung nach, in Sachen Stil und Konzept da einiges abschaun.

  4. Martin Thür

    Ja natürlich war die Sendung ein Schaukampf, ein Hexenkassel. Das war ja das Konzept. Muss man ja nicht gut finden, meine Mutter hasst die Sendung auch. Natürlich war da viel durch die rosarote Brille gesehen. Vieles seh ich jetzt schon differenzierter, bloss ein paar Dinge möchte ich dennoch zurecht rücken.

    Ad recherche: Ich habe im Vorfeld der Sendung sowohl mit Hubert Sickinger telefoniert und mir jenes Buch besorgt (übrigens sehr empfehlenswert). Auf Sendung haben wir natürlich darüber aufgeklärt das dies die Anliegen sind die bei Bezirkspolitikern angekommen sind. Der Fehler den ich eher sehe, dass wir das in der Hitze des Gefechtes die Studie als zu absolut verkauft haben. Das die Wiener keine anderen Sorgen hätten. Was am Fakt nichts ändert. Sickinger hat mir persönlich und im Buch bestätigt: Verkehr und Hunde seien die beiden Topthemen der Beschwerden bei Bezirkspolitikern. Wenn sie eine aktuellere Untersuchung finden, immer her damit!

    Was ihr Beispiel betrifft: Absolut. Geniale Debatte und ich knie seit Monaten vor Stephen Fry für seinen Debattenbeitrag. Bloß der Anspruch von ATV ist ein anderer. Eben keine Elitendiskussion, sondern eine Debatte die Menschen erreicht, die bisherige Debatten nicht erreicht haben.

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