Billigflieger

veröffentlicht am 2. April 2020 - 1 Kommentar

MinisterInnen und StaatssekretärInnen in der Economy fliegen im Durchschnitt nicht wesentlich billiger als jene in der Business Class. Das zeigt die Auswertung der Kosten von mehr als 1.200 Dienstreisen aller Mitglieder von Bundesregierungen seit 2016. Insgesamt sind Flüge österreichischer Bundeskanzler im Zeitraum deutlich billiger geworden. Die Expertenregierung war noch günstiger unterwegs als die Regierung Kurz.

Es zählt zu Sebastian Kurzbeliebtesten Motiven auf seinem Instagram-Account: der Kanzler in der Economy Class eines Linienfliegers. Kaum ein Zeitungsporträt kommt ohne eine Würdigung der Tatsache aus, dass Kurz besonders oft in der sogenannten Holzklasse fliegt – wie der ganz normale Bürger. Der Kanzler inszeniert seine Flugbuchungen wie kaum ein anderer. Besonders günstig fliegt er dennoch nicht.

Seit 2016 werden Dienstreisen eines Regierungsmitglieds  durch parlamentarische Anfragebeantwortungen veröffentlicht. Daten von 1.226 solcher Reisen und deren Kosten erlauben erstmals Antworten auf die Fragen: Spart Kurz mit scheinbar günstigeren Plätzen tatsächlich Geld? Und sind davor alle Minister*innen Business geflogen?

Zunächst: Sebastian Kurz vermarktet zwar seinen Platz in der Economy, doch tatsächlich fliegt auch Kurz regelmäßig Business Class. Auf der Langstrecke bei Reisen etwa nach China oder Singapur, wenn Flüge viele Stunden dauern und Kurz danach gleich mehrere Termine hat, sitzt auch er vorne im Flugzeug. Ein Foto von Kurz in einem Sitz der Business Class findet sich aber weder auf seinem Instagram Account noch in den Presseagenturen.

Preisfrage

Fliegt Kurz günstiger als andere? Berechnet man die durchschnittlichen Transportkosten aller Dienstreisen aller Bundesregierungsmitglieder*, liegt Kurz mit 1.085,60 € ziemlich genau im Transportkosten-Mittelfeld seit 2016.

Die Distanz des Fluges hat einen direkten Einfluss auf seinen Preis. Ein Flug nach Washington ist teurer als einer nach Brüssel und so muss man die Entfernung des Reiseziels vom Amtssitz (Wien) mit einberechnen. Routen mit mehreren Zielen (Wien–Washington–L.A.–Wien) wurden so berechnet, wie sie in der Anfragebeantwortung aufgeführt sind. Dadurch ergibt sich ein etwas aussagekräftigeres Verhältnis zwischen Distanz und Preis. Aber auch das ist nicht perfekt. Ex-Finanzstaatssekretär Hubert Fuchs schneidet hier besonders gut ab, weil seine wenigen Dienstreisen fast ausschließlich Fernreisen waren.

Kurz fliegt also nicht wirklich billiger, aber auch nicht teurer als der durchschnittliche Minister. Eine Grafik aller Dienstreisen zeigt zudem: Große Veränderungen in der Kostenstruktur gab es in den letzten Jahren nicht. Mit einer Ausnahme, aber dazu später.

Außenminister*innen im Vergleich

Die exakte Buchungsklasse vieler Flüge der Bundesregierungen ist leider nicht bekannt, sehr wohl aber deren Kosten. Bei den Reisekosten hat sich unter der Regierung Kurz im Vergleich zu Vorgängerregierungen wenig verändert. Außenministerin Karin Kneissl hat etwa im Schnitt 860,46 € für den Transport bei einer Dienstreise ausgegeben, Sebastian Kurz‘ Reisen als Außenminister haben hingegen durchschnittlich 1.127,82 € gekostet. Kurz war allerdings deutlich länger als Kneissl im Amt und öfter auf besonders teuren Übersee-Dienstreisen, könnten nun einige einwenden. Auf Langstreckenflügen fliegt auch Kurz öfter Business Class. Nimmt man aber nur die Reisen nach Brüssel, so gab Außenministerin Karin Kneissl 666,96 Euro im Schnitt aus für Hin- und Rückflug, Außenminister Schallenberg 755,75 € und Außenminister Kurz zahlte 815,74 Euro um einmal nach Brüssel und retour zu kommen. Kurz war also als Außenminister teurer unterwegs als seine Nachfolger.

Anders ist das Bild, wenn man die Reisekosten der Bundeskanzler vergleicht. Werner Faymanns 20 Flüge nach Brüssel kosteten im Schnitt 1.995,44 €. Die Flüge waren so teuer, weil Faymann ausschließlich Bedarfsflieger, besser bekannt als Privatjets, für seine Dienstreisen in die informelle EU-Hauptstadt benutzt hat. Auch Christian Kern flog nach Brüssel nie in einer Linienmaschine und so kosteten seine Brüssel-Reisen 1.955,82 € im Schnitt. Sebastian Kurz und Brigitte Bierlein mit mit 766,67  € und 858, 34 € waren da deutlich günstiger unterwegs. Ihr Geheimnis: Linienflüge.

Die Höhe der Preise für die Flüge nach und von Brüssel mag auf den ersten Blick schockieren. Mit privaten Flugbuchungen hat das nichts mehr zu tun. Gebucht werden oft besonders spät flexible Tickets, die Umbuchungen möglich machen. Das treibt den Preis in die Höhe.

Außerdem illustrieren die Zahlen, warum nicht der Sitzplatz entscheidend ist, sondern vor allem, welche Art zu Fliegen ein Regierungsmitglied wählt. Von 908 Flügen wissen wir, ob ein Linienflug oder ein Bedarfsflug genommen wurde. So kostet ein Linienflug pro Passagier im Schnitt ziemlich genau die Hälfte (52%) eines Bedarfsfluges. Pro Passagierkilometer kostet ein Linienflug sogar nur noch fast ein Drittel eines Bedarfsfluges. (0,43 vs. 1,21 Euro pro geflogenem Kilometer und Passagier). Während Werner Faymann noch 93% seiner Flüge in einem Privatjet absolviert und Christian Kern 84,7%, sinkt der Anteil bei Sebastian Kurz auf nur 9,2% und bei Brigitte Bierlein auf 14,3%. Der wesentliche Anteil der Kostenreduktion bei Kanzlerflügen ist auf diesen Effekt zurückzuführen. Ein Sitz in einem Privatjet kostet im Schnitt das Doppelte eines Linienfluges.

Mit dem Privatjet nach Prag

Der teuerste bekannte Flug eines Regierungsmitgliedes ist eine Reise von Minister Reinhold Mitterlehner mit dem Bedarfsflieger nach Klagenfurt zur „Präsentation des ‚Kärnten-Pakets'“ am 23. Juni 2016. Die nicht einmal 470 Kilometer kosteten 4,37 € pro Kilometer und das für jeden der drei Passagiere. Mehr als das 10fache des amtlichen Kilometergeldes.

Auch ins nahe Ausland wurde gerne mit dem Privatjet geflogen. Nach Prag etwa (555 Kilometer, Werner Faymann und Hans Jörg Schelling) oder für 428 Kilometer nach Budapest, wohin Wolfgang Sobotka den Privatjet genommen hat und dafür besonders viel Kritik einstecken musste.

Vorne oder hinten

Bleibt die Frage nach der Business Class. Kostet vorne sitzen mehr als hinten? Tatsächlich zeigen die Zahlen keinen signifikanten Unterschied in den Kosten, wenn man um die Distanz der Flüge bereinigt. So kosten die 103 Flüge, von denen wir wissen, dass sie sicher in der Economy Class verbracht wurden 0,41 €/km, jene 47 Dienstreisen, von denen wir wissen, dass sie in der Business Class gebucht wurden, 0,43 €/km. Zum Vergleich: Alle Bedarfsflüge kosten im Schnitt: 1,21 €/km.

Flugpreisbildung findet auf Basis komplexer mathematischer Modelle statt, die die Kosten innerhalb von Buchungsklassen je nach Auslastung, Dauer bis zum Abflug und Preisen des Mitbewerbs verändern. Ein eindrucksvolles Beispiel zeigt der frühere Justizminister Clemens Jabloner in einer Anfragebeantwortung. Im Oktober letzten Jahres ist er einen Teil der Strecke nach Straßburg in der Business Class geflogen, weil ein Ticket vorne billiger war als jenes hinten:

aus: 188/AB vom 3. Jänner 2020

Insgesamt sind die Kosten von Dienstreisen der Bundesregierungen in den letzten Jahren gesunken. Am billigsten war das Übergangskabinett von Brigitte Bierlein unterwegs.

Zu den Daten: Die Dienstreisen der Bundesregierungen werden seit Jahren regelmäßig in parlamentarischen Anfragen abgefragt. 170 davon, habe ich für diese Analyse ausgewertet. Die Daten sind zum Teil sehr unterschiedlich aufgearbeitet, das Verteidigungsministerium etwa, hat mehrfach explizite Fragen nicht beantwortet. Reiseziele, die Anzahl an teilnehmenden Personen und die Kosten wurden jedoch immer abgefragt. Manchmal wurde der Ticketpreis der Minister*innen beantwortet, manchmal aber auch die Flugkosten für die gesamte Delegation. Wurden nur Gesamtkosten angegeben, wurde ein Durchschnittspreis für alle Teilnehmer errechnet und für die Minister*innen angenommen. Manchmal wurden „Transportkosten“ angegeben, manchmal „Flugkosten“, was im ersten Fall etwa auch Taxikosten beinhalten würde. Das kann zu Verzerrungen führen.

*Staatssekretär*innen sind rechtlich gesehen keine Mitglieder der Bundesregierung, sie wurden für die Auswertung der Flugkosten aber gleichwertig behandelt.

Wochenende in Tirol

Die Datenbank ermöglicht aber auch weitere Blicke in das Reiseverhalten österreichischer Ministerinnen und Minister. So führten die Dienstreisen des tirolstämmigen Ministers Andrä Rupprechter deutlich öfter nach Innsbruck, als jene der anderen Minister. Mit insgesamt 17 Dienstreisen führt er deutlich, gleich 13 davon fanden rund um ein Wochenende, also von Donnerstag bis Sonntag statt.

Lounge-Chair

Herbert Kickl dürfte entspanntes Reisen besonders wichtig gewesen sein. Eine Anfragebeantwortung aus dem Jahr 2018 zeigt, dass er 5.831,25 Euro für Besuche in Lounges im ersten Halbjahr 2018 ausgegeben hat. Elf Ministerien haben keine solchen Ausgaben, das Innenministerium unter Kickl weist die höchsten Lounge-Kosten aller Ministerien aus. Die Kosten sind bei nur vier Dienstreisen angefallen und gehen pro Reise in den vierstelligen Euro Bereich. Das BMI kann auf Nachfrage die Kosten nicht mehr nachvollziehen. Normale Flughafenlounges sind mit 35 Euro auch deutlich billiger. Eine mögliche Erkläring: Herbert Kickl dürfte bei seinen Flügen, zwar normale Linienflugzeuge benutzt haben, aber über den General-Aviation-Bereich eingecheckt haben, besser bekannt als das VIP-Terminal. Dort gibt es keine Warteschlange, eine individuelle Sicherheitskontrolle und einen Extra-Transport zum Flieger. Der Flughafen nennt dieses Service „High-Class Boarding“.

1 Kommentar

  1. Danke für die penible Auflistung.
    Würde mir mehr grundsatzdiskussion wünschen über Notwendigkeit.
    In Zeiten von Corona geht erstaunlich viel per Video-Konferenz.
    Prag, Budapest, innerösterreichisch bitte Zug! und Rupprechters Tirolreisen übers Wochenende – eh kloa ! Da braucht’s nicht viel Phantasie dazu, den Grund der Reise zu vermuten.
    Genaueres wäre fein, aber wohl nicht ergründbar.

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