Made in Austria

veröffentlicht am 27. August 2013 - 1 Kommentar

Flüge mit Privatjets, Kredite für eine Ministergattin oder Hilfe im Wahlkampf. Frank Stronach war immer spendabel gegenüber der Politik. Gleichzeitig verachtet er das politische System und seine Akteure.  “Alle, die ich kenne, saugen am Staat,” sagt er.

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Patent CA 1186468 A1

Zu sagen, wegen ihm sehen Pferdeställe anders aus, ist vermutlich übertrieben, aber immerhin: Patent-Nummer 1186468. Wall Panel Assemblies. Erfinder: Stronach, Frank. Er hat sich eine Art einfallen lassen, wie Mauern im Pferdestallbau montiert und Ställe damit größer werden können. Der Erfinder reicht das Patent am 11. August 1982 ein. Es bleibt Stronachs einzige patentierte Entdeckung, aber kurz danach entdeckt dank ihm Kanada, dass es strengere Regeln für seine Politiker braucht.

Teil 1: Sinclair Stevens

Das Treffen, das eine Firma retten, aber letzten Endes einen Minister stürzen sollte, führt Noreen Stevens von ihrer Villa im Herzen Torontos an den Stadtrand. Der Familienbetrieb, die „York Centre Corp.“, liegt am Boden. Die Beteiligungsgesellschaft braucht dringend Geld, denn 79 Prozent des Portfolios aus Öl- und Gasfirmen liefern keinerlei Einnahmen. Aber Noreen Stevens hat Glück. In Kürze wird sie einen einflussreichen Freund treffen. Frank Stronach. Der Haken an der Sache: Ihr Ehemann und zugleich stiller Eigentümer der Firma ist kanadischer Industrieminister. Es ist der 5. April 1985.

stronachSeit Jahren verhandelt Stronach, zu dieser Zeit Magna-Chef, mit dem kanadischen Industrieministerium über höhere Förderungen für seine Firma. Immer wieder bietet er dabei auch Beamten an, sie mit dem Firmenjet quer durch Kanada zu fliegen. Seit 1972 hat Magna bereits insgesamt knapp 30 Millionen Dollar an Förderungen bekommen, doch Magna will mehr. Für ein Presswerk fordert die Firma 40 Millionen Dollar Unterstützung- bei Gesamtkosten von 98 Millionen: Fast jeder zweite Dollar soll vom Staat kommen. Beim kanadischen Industrieministerium ist man bei solchen Summen zurückhaltend. Magna ist sehr wichtig, aber die Förderung entspräche dem Zehnfachen der normalen Förderung pro Arbeitsplatz. Alle Beamten, die das Anliegen bearbeiten, empfehlen nicht zu fördern, doch der neue Minister Sinclair Stevens lässt nicht locker. Er war es auch, der nur vier Tage nach seinem Amtsantritt seinen Beamten angeordnet hat, einen Orden oder eine andere passende Auszeichnung des Ministeriums für Frank Stronach zu finden.

Kap Breton

Kap Breton

Doch das ist nicht das einzige Projekt, bei dem der frischgebackene Industrieminister Stronach helfen soll. Kap Breton ist eine kleine Insel am östlichsten Rande Kanadas. Auf diesem ziemlich einsamen Flecken Erde will Stronach zwei Fabriken bauen. Für Magna ist das Abenteuer kostspielig, deshalb soll der Staat das Risiko übernehmen. Von den 128 Millionen Dollar, die der Bau der Fabriken samt Ausbildungsstätten für die Arbeiter kosten soll, soll der Staat 64 Millionen Dollar übernehmen, also exakt die Hälfte. Im März 1985 treffen sich Stronach und Stevens um in der Sache zu verhandeln, ohne Ergebnis.

Anton Czapka

Frank Stronachs Wegbegleiter Anton Czapka

Während all dieser Verhandlungen steht nun also Noreen Stevens, die Frau des Ministers, in Frank Stronachs Büro und tatsächlich: Frank kann ihr aus ihrer misslichen Lage helfen. Stronach stellt ihr einen engen Vertrauten vor, seinen Freund Anton Czapka. So wie Stronach ist er gebürtiger Österreicher und aus dem steirischen Weiz nach Kanada emigriert. Czapka, bereits pensioniert, kümmert sich bei Magna aber weiterhin um heikle Immobiliendeals, besorgt für die Firma Grundstücke, damit diese nicht zu überhöhten Preisen kaufen muss. In einem späteren Interview erzählt Czapka, dass Frank bei diesem Treffen zu Stevens sagt: „Schau, ich habe einen Freund, der kann dir vielleicht helfen, denn er ist im Immobiliengeschäft.“ Und „Toni“ – wie Frank ihn nennt – kann helfen. Noreen Stevens bekommt eine Fünf-Jahres-Hypothek auf sechs Objekte der „York Centre Corp.“ in der Höhe von 2,62 Mio. Dollar, dazu ein zinsfreies erstes Jahr (der Wert: 314.400 Dollar) und einen damals attraktiven Zinssatz von 12 Prozent. Keines der Häuser besichtigt Czapka, er fährt mit dem Auto einmal vorbei und begutachtet sie von außen. Am 16. Mai, nur ein Monat nach ihrem ersten Treffen, überbringt Czapka Noreen Stevens den lange ersehnten Scheck in der Höhe von 2,62 Mio. Dollar, ausgestellt von seiner kurz davor, extra zu diesem Zweck gegründeten Firma „622109 Ontario Inc.“. Der Untersuchungsbericht wird den Deal danach als „unüblich vorteilhaft für den Kreditnehmer“ bezeichnen.

Nur zwölf Tage nachdem Stronach Noreen Stevens den Retter ihrer Firma vorstellt, genehmigt der Industrieminister persönlich einen Kompromiss beim Magna Presswerk: Magna bekommt etwa 20 Mio. Förderung, 10,2 Millionen Dollar bezahlt das Industrieministerium, die andere Hälfte übernimmt die Regionalverwaltung in Ontario.

Aber das war nur ein kleiner Fisch im Vergleich zu Kap Breton. Auch hier gab es jahrelang Widerstand innerhalb des Ministeriums. Aber Stronach und Stevens lassen nicht locker, am 7. April 1986 unterzeichnen das Ministerium und Magna einen Deal, den die Firma nicht ablehnen kann: 64 Millionen Dollar Zinsfreier Kredit, Steuerkürzungen und vieles mehr für zwei Fabriken auf Kap Breton. Magnas einzige Verpflichtung: Der Autozulieferer muss nur mindestens 4 Millionen Dollar eigenes Geld in das Projekt stecken.

Dann geht alles ganz schnell. Am 29. April 1986, drei Wochen später, berichtet erstmals die Zeitung „Globe and Mail“ über den Kredit an die Frau des Ministers. Die Folge: Der Rücktritt von Steven Sinclair am 11. Mai von all seinen politischen Ämtern, eine Untersuchung des Vorfalls durch eine unabhängige Kommission im Auftrag des Premierministers und eine nationale Debatte über die unsauberen Methoden des Frank Stronach. „Ich habe nichts falsch gemacht,“ rechtfertigt er sich bei seiner elfstündigen Aussage vor der Untersuchungskommission.

Ottawa Citizen

Der Ottawa Citizen vom Montag, den 12. Mai 1986

Wenige Jahre später sagt Frank Stronach in einem Zeitungsinterview: „Ich habe mehr Einfluss als Magna-Boss, als als Hinterbänkler im Parlament.

Teil 2: Heimatgefühle

Dennoch versucht er selbst kurz darauf in der kanadischen Politik Fuß zu fassen, erfolglos. Frustriert von der Stevens-Affäre, enttäuscht von der Politik und entkräftet vom Beinahe-Kollaps der eignen Firma konzentriert sich Stronach Anfang der 90er auf Europa. Schon 1988 kauft Magna jenes Grundstück in Weiz, wo Frank Stronach als Lehrling in den Elin-Werken gelernt hat.

Die Pläne für die neue Magna Europa Zentrale

1994 will Stronach seine Europa-Zentrale nach Österreich verlegen und sucht ein großes Grundstück in der Nähe von Wien und dem Flughafen. Die Magna-Liegenschaftsverwaltungs-GmbH kauft das Schloss Oberwaltersdorf und nur wenig später steht die Landespolitik auf der Matte. Kurz vor der EU-Abstimmung kommt das Investment Landeshauptmann Erwin Pröll und Wirtschaftslandesrat Ernest Gabmann gerade recht. Obwohl Magna das Grundstück bereits am 16. Februar 1994 erwirbt, wartet Stronach mit der Bekanntgabe das Europaquartier in Niederösterreich anzusiedeln bis zwei Tage vor der Volksabstimmung. Gemeinsam mit Pröll und Gabmann präsentiert Magna das Projekt in einer Pressekonferenz. Stronach macht offen Stimmung pro EU. „Entscheide sich Österreich am Sonntag für ein größeres Europa, seien neben den vorerst 200 Mill. S weitere Investitionen von 1,5 Mrd. S durch Magna möglich,“ zitiert die APA Frank Stronach.

Mit Pröll zerkracht sich Stronach wenig später, aber mit anderen Regierungsmitgliedern bleiben die Kontakte intakt. So bekommt Ursula Gabmann, Tochter des Wirtschaftslandesrates, einen Job in der neuen Magna-Europazentrale. „Ich kann doch meine Kinder schwer unter einen Glassturz stellen,“ sagt Gabmann damals knapp. Offener ist da schon die Landeshauptmann Stellvertreterin Liese Prokop. Auch ihre Tochter, Karin, arbeitet bei Stronach, eingefädelt hat das die Mama selbst. „Ich habe Stronach anlässlich eines Tischgesprächs bei einer Veranstaltung der Donau-Uni gefragt, ob es bei ihm eine Arbeitsmöglichkeit für meine Tochter gibt, so wie ich andere auch gefragt habe,“ zitiert sie der Trend.

Franz Vranitzy und Frank Stronach

Im Herbst darauf finden in Österreich Nationalratswahlen statt und Franz Vranitzky hat ein großes Problem. Anfang September muss die Maschinenfabrik in Liezen Konkurs anmelden. Der größte Konkurs des Jahres und das ein Monat vor der Wahl. Doch Vranitzky nimmt Kontakt mit seinem guten Bekannten Frank Stronach auf. Seit 1991 berät Stronach den Kanzler regelmäßig in „aktuellen Fragen und Trends der internationalen Wirtschaft„. Am 2. September begleitet Stronach Vranitzky auf einer „Wahlreise“ nach Liezen. Der SPÖ-Pressedienst berichtet danach, dass „Frank Stronacher vom ‚Magma‘-Konzern“ (sic!)  beabsichtige „1.500 neue Arbeitsplätze in Österreich zu schaffen. Von diesen Arbeitsplätzen werde auch eine gewisse Anzahl auf Liezen fallen.“ Egal was mit der ehemaligen „Noricum“- Waffenschmiede passiere, die Jobs in der Region seien gesichert, so die Botschaft. Die kleine Wahlkampfhilfe unter Freunden geht auf, die Kronen Zeitung titelt von der „Magna-Hoffnung für Liezen„.

Gleich nach der Wahl revanchiert sich die Regierung bei Frank Stronach. Ohne Kenntnis der Öffentlichkeit hat der Magna-Boss bei der Bezirkshauptmannschaft Mödling einen Antrag auf Wiedereinbürgerung gestellt. Seit er die kanadische Staatsbürgerschaft angenommen hat, war er kein Österreicher mehr. Der Antrag wandert ins Innenministerium, auch Wirtschaftminister Wolfgang Schüssel befürwortet das Gesuch, ehe es am 1. November 1994 soweit ist. Während die Neuauflage der Großen Koalition verhandelt wird, bekommt Frank Stronach, auf Beschluss des Ministerrates, wieder die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen.

1 Kommentar

  1. Ich finde das, was du hier allein und nebenbei an innenpolitischem Journalismus betreibst, sollte ganzen Medienhäusern in Österreich die Schamesröte ins Gesicht treiben. Chapeau und danke.

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